Waren die Kisdorfer die Schildbürger des Nordens?"

Die Schildbürger" ist der Titel eines Volksbuchs von 1598, in dem Schwänke und Streiche törichter Klein-bürger beschrieben werden. Soweit Meyers Großes Lexikon.

Es ist ungeklärt, ob mit "Schilda" die sächsische Stadt Schildau im Landkreis Torgau-Oschatz gemeint war oder die Gemeinde Schilda im Amt Elsterland, Landkreis Elbe-Elster, im Land Brandenburg. Wohl aber ist bekannt, daß es ähnliche Geschichten über Kisdorf gibt. In „Geschichte und Geschichten vom Kisdorfer-Wohld“ von Ulrich Brämer lesen wir:

Die Kisdorfer und die Sense

Einmal fuhr ein Geestbauer mit Torf nach Kisdorf und hatte eine Sense mit auf dem Wagen, um damit am Wege das nötige Gras für seine Pferde zu mähen. Nahe beim Dorfe bemerkte er schönes Gras; er stieg ab und schnitt seinen Pferden eine gute Mahlzeit; ließ aber die Sense liegen, um am Abend eine gute Portion mit nach Hause zu nehmen. Als nun die Kisdorfer merkten, daß auf ihrer Meente (Allmende) Gras fehle und sie die Sense fanden, hielten sie die Sense für ein grimmiges, Gras fressendes Tier und beschlossen, um ihrer fernern Verwüstung Einhalt zu tun, den Platz zu umzäunen. Abends fand der Geestbauer die wunderliche Einrichtung und lachte sich herzlich satt darüber; er hat nachher diese Geschichte unter die Leute gebracht.

Die Kisdorfer und das fensterlose Haus

Ein andermal hatten die Kisdorfer ein wildes, störrisches Pferd, das in keinem Stalle bleiben wollte. Sie beschlossen, ein eigenes Haus um dasselbe herum zu bauen. Als sie damit fertig waren, hatten sie die Fenster vergessen und mußten nun ein Loch ins Dach machen und den Tag mit Säcken hineintragen.

Die Kisdorfer und „de Karkloh"

In alter Zeit kam es zwischen Kisdorf und Kaltenkirchen zu einem Streit. Hier sollte eine Kirche gebaut werden, aber man wurde sich nicht einig, wo die Kirche stehen sollte. Endlich einigten sie sich darauf, daß beider Ortschaften Vertreter gemeinsam einen Bullen treiben sollten. Es wurde abgemacht, daß die Kirche dort stehen sollte, wo sich das Tier zuerst hinlegen würde. Als der Bulle nach langem Treiben endlich müde wurde, wollte er sich auf einem Anwesen bei Kisdorf niederlegen, und darüber waren die Kisdorfer sehr erfreut. Bei diesem Anblick schlugen nun die Kaltenkirchener so erbarmungslos auf den Bullen ein, daß er wieder vorwärts mußte. So schafften sie das Tier noch mit großer Mühe bis nach Kaltenkirchen. Dort aber fiel der Bulle nieder und war tot. So wurden die Kisdorfer betrogen. Sie nannten aber das Flurstück, auf dem die Kirche rechtmäßig hätte stehen müssen, Karkläg. Mit der Zeit wurde daraus der heutige Name Karkloh.

In de Sengel

In alten Zeiten, als Bauernvogt Hans noch das Regiment in Kisdorf führte, hatte der Ort unter einer großen Mäuseplage zu leiden. Diese Plage war um so schlimmer, weil die Kisdorfer noch keine Katzen kannten.

Da kam eines Tages ein Fremder ins Dorf. Als dieser von der Not der Leute hörte, sagte er ihnen, er besitze ein Tier, das sie von dieser Plage befreien könne. Das hörten die Kisdorfer gerne und kauften das Tier zu einem hohen Preis. Bald danach lieferte der Fremde den Mäusetöter ab und sackte den Beutel mit den Talern ein. Die Kisdorfer waren glücklich und bewirteten den Fremden aufs beste. Als der jedoch kaum den Ort verlassen hatte, fiel ihnen ein, daß sie ja gar nicht wußten, womit das Tier gefüttert werden mußte. In größter Eile wurden ihm nun zwei Boten zu Pferde nachgesandt, die sich danach erkundigen sollten.

Zufällig wandte sich der Fremde unterwegs um und sah die Reiter nahen. Er glaubte aber, den Kisdorfern sei der Handel leid geworden und gab seinem Pferd die Sporen, um zu entkommen. Nach längerem vergeblichen Bemühen riefen sie endlich aus der Ferne: "Watt fritt dat Tier?" "Melk un Müs!" antwortete der Fremde. Die Boten verstanden jedoch "Land un Lüd". Als die Kisdorfer diese schlimme Botschaft hörten, bekamen sie Angst und wollten das böse Tier lieber töten, ehe es argen Schaden anrichten konnte. Sie wollten nun die teuer bezahlte Katze mit Knüppeln totschlagen, konnten aber das flinke Tier nicht erwischen. Da meinte Bauernvogt Hans, man müsse das Haus anzünden, damit das Tier darin verbrenne. Das geschah. ‑ Aber die Katze floh ins Nachbarhaus. Man zündete auch dieses an. Die eifrigen Kisdorfer immer hinterher und zündeten ein Haus nach dem andern an. Erst, nachdem ein großer Teil des Dorfes abgesengelt war, gelang es, der Katze habhaft zu werden und ihr den Garaus zu machen. Die Kisdorfer nannten später den neuerbauten Dorfteil "In de Sengel".

Wie die Kisdorfer den Bullen aufs Dach zogen

Einst hatte Bauernvogt Hans sein Haus mit frischem Roggenstroh decken lassen. Es war dafür aber schlecht geeignet und nach einiger Zeit wuchs die grüne Saat zum Dachfirst heraus. Hans sah das und meinte, es sei doch jammerschade um diesen Roggen. Er ließ seine Kisdorfer zusammenkommen, um ihre Meinung zu hören. Keiner wußte einen Vorschlag zu machen. Endlich meinte einer, es wäre eine gute Weide für den Dorfbullen. Dem stimmten die andern zu. Aber wie sollte man das schwere Tier da hinaufschaffen? Da gab Hans den Rat: Wir bringen oben auf dem Dach eine Rolle an und ziehen den Bullen dann hinauf Gesagt, getan! Dem Bullen wurde ein Strick um den Hals geschnürt und dann begann man zu ziehen. Aber dem armen Bullen blieb dabei die Luft weg. Und als er fast oben war, verendete der Bulle und ließ dabei die Zunge aus dem Halse hängen. Das sah Hans und rief: "Nu rit man noch mal düchtig to! He lickt all ut."

Die Kisdorfer und der Storch im Buchweizen

Einst ging Bauernvogt Hans übers Feld. Da sah er einen Storch in seinem Buchweizen spazieren. Darüber erschrak er, denn so ein Tier war noch nie in Kisdorf gesehen worden. Voller Angst lief er nach Hause und beratschlagte mit seinen Leuten, wie man das Tier vertreiben könnte. Sie beschlossen schließlich, den Storch mit einer Bahre aus dem Buchweizen zu tragen.

Als sie aber mit der Bahre am Feldrand angelangten, tat ihnen der blühende Buchweizen leid, den sie dabei vernichten würden. Da meinte Hans, es sei das beste, wenn sie hindurch schwimmen würden. So geschah es dann. Hans voran und die andern hinterdrein. Sie ruderten mit Armen und Beinen, und der letzte zog die an seinem Bein befestigte Bahre hinter sich her. Als sie jedoch dem Storch näher kamen, erhob sich dieser und flog davon. Verwundert schauten die Kisdorfer ihm nach.

Aber mit noch größerer Verwunderung sahen sie, welchen Schaden sie im Buchweizen angerichtet hatten. Da meinte Bauernvogt Hans:.“Lat uns man lever op ’n anner Stell torüch swömmen, dormit wi den schönen Bokweeten nich ganz dal drückt."

Wie die Kisdorfer den Brunnen maßen

Einst gruben die Kisdorfer einen tiefen Brunnen, um an Wasser zu kommen. Als sie damit fertig waren, wollten sie seine Tiefe messen. Sie besaßen aber keine geeignete Meßlatte und wollten deshalb nach "Kerlslängen " messen. Hans packte also mit beiden Händen das Drehholz der Welle, die über dem Brunnen lag. Dann mußte sich einer nach dem andern hinablassen, und jeder hielt sich an den Füßen seines Vordermannes. Als nun schon acht Mann so hingen und die Last für Hans zu schwer wurde, rief er: „Jungs – holt fast! Ick mutt mal in de Hänn spieg 'n. Awer ick segg ju, dat ji defftig topackt, dormit keeneen in 'n Soot fallt."

Das Pferde-Ei

Einst kam Bauervogt Hans in seinen Pferdestall und fand hinter seiner Stute Tät einen Kürbis. So etwas hatte er noch nie gesehen, und glaubte nun, seine Stute Tät habe das Riesenei gelegt. Erfreut rief er seine Frau: "Mudder ̴ Mudder! Kumm flink rut! Uns Tät hett 'n groot Ei leggt". Verwundert betrachtete auch sie das Pferde-Ei. Aber beide wußten nicht, was damit zu machen sei. Endlich beschlossen sie, daß die Frau das Brüten übernehmen sollte. So geschah es auch. Woche für Woche bebrütete sie geduldig das Ei, aber darin zeigte sich noch immer kein Leben. Hans beruhigte sie: "Sitt du man noch 'n acht Daag. Du weetst doch, dat din Göös veer Weeken sitt, un dit is 'n Peer Ei!" Als aber auch nach diesen acht Tagen alle Mühe vergeblich war, da glaubten beide, daß das Ei verdorben sei. Hans wollte das Ei nun unauffällig beiseite schaffen und ging damit in den Wald. Dort warf er es an den ersten besten Baum. Um diesen Baum herum stand aber Gebüsch, unter dem ein Hase ruhte. Dieser sprang erschrocken davon. Hans sah ihn und glaubte, es sei ein kleines Füllen aus dem Ei gesprungen. Er lockte mit dem Ruf: "Hide! Hide! Kumm, ̴ din Möhm is hier!" Doch der Hase lief unbekümmert weiter. Ärgerlich kehrte Hans endlich wieder heim und kopfschüttelnd sagte er dann zu seiner Frau: "Harrst du doch man noch 'n acht Daag länger seten! Jüst so 'n smuck Fahln as uns ol Tät!"'



Solche Geschichten, wie sie über die Kisdorfer erzählt werden, findet man in verschiedenen Sagen‑ oder Märchensammlungen. Die Ursprünge können sehr alt sein. Aber auch in neuerer Zeit entstehen Kisdorfer Geschichten, die vom gleichen Geist geprägt sind. Gewollt oder ungewollt sind sie allemal geeignet, den Ruf als "dumme Kisdorfer" zu wahren und zu mehren. So auch die folgende Geschichte.

Wie die Kisdorfer den Mond ausspritzen wollten

Es geschah einmal an einem Ostersonntag. Da saßen am Abend verschiedene junge Kisdorfer vergnügt beim Gastwirt und feierten fröhlich das Osterfest. Wie zwei davon zufällig nach draußen kommen, gewahren sie Qualm und Feuerschein im Osten des Dorfes, und dem Augenschein nach kann das Feuer nirgend anderswo sein als auf dem Regelhof. Durch den Ruf: "Dor is Füür ‑ Füür!" werden die Kisdorfer auf die Straße gerufen und die Feuerwehr alarmiert. Manch einer läuft schnell zurück ins Haus, um die Sonntagskluft gegen die alltägliche zu vertauschen. Aber die ganz Beherzten schwangen sich, wie sie gingen und standen aufs Rad und jagten der Stätte des wütenden Feuers entgegen um zu retten, was zu retten war. Sie jagten den Sandberg hinauf und dem Regelhof entgegen. Der jedoch lag friedlich da in schönstem Mondenlicht! Als die Kisdorfer das sahen, machten sie erleichtert Kehrt und fuhren wieder heimwärts. Da trafen sie an der Meierei auf ihre Feuerwehrleute, die mit der Spritze in größter Eile dem vermeintlichen Feuer entgegenstrebten. Auch sie kehrten nun um und meinten: "Wenn op de Regel keen Füür is, dann hett ja woll de Maan brennt.“

Seit dieser Zeit ging nun im ganzen Kirchspiel und darüber hinaus das Gerede, die Kisdorfer hätten den Mond ausspritzen wollen. Was war nun wirklich passiert? Am Ostersonntag Anno 1907 brannten zwei große Wirtschaftsgebäude in Bahrenfeld nieder. Der Rauch dieses Feuers zog vor dem im Osten, hinter dem Sandberg aufgehenden Mond vorüber, so daß die Beobachter in Kisdorf sehr wohl glauben konnten, es brenne ganz in der Nähe. Bemerkenswert ist das Verhalten der Kisdorfer nach diesem "blinden Alarm". Es gab keine Verärgerung darüber, und keinesfalls wurden die Beobachter des vermeintlichen Feuers als "Deppen" abgestempelt. Aber soviel sei doch gesagt: Wer das Gerede über die "dummen Kisdorfer", die den Mond ausspritzen wollten, unter die Leute brachte, ist bekannt. Er gehörte selbst zu den Beherzten, die an dieser Aktion beteiligt waren.


...und noch een Geschicht ganz up Plattdütsch:

De Kisdörper söken ehr Been

De Kisdörper sünd maal to Kark no Kol'nkarken west. Dat is sommerdaags west un warm. Se sweet't, as se trüch kaamt. "Dat is so warm", seggt den Buurnvaagt sien Söhn, "hier ünner den Eeken is schön Schatten." "Ja", se kaamt all ran un leggt sick daal, mit de Been na de Eek ran un mit 'n Puckel na buten. Se liegt en beeten, un denn wüllt se wedder na Huus. Do hebbt se all de Been een mank 'n annern. "Wo find 't wi nu uns Been wedder?", seggt se, dat is leeg; jeder mutt doch sein Been wedder hebben!" Do kümmt door een Wagen anföhren. Se roopt den Fohrmann, he schall ehr helpen. Ja, dat will he ook; se schüllt man een beten töwen. He haalt de Pietsch un haut door mank. Do treckt se all ehr Been trüch, un do hett jeder sien Been wedder funnen.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns weitere Geschichten (möglichst mit Quellenangabe) über die Heldentaten der „alten“ Kisdorfer einsenden würden. Lebende Kisdorfer sind – das ist doch klar – mit solchen Geschichten nicht gemeint. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Ereignissen und Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Literaturhinweise:

Geschichte und Geschichten vom Kisdorfer-Wohld, Ulrich Brämer, Kaltenkirchen, evert-druck,
Neumünster - 2001

Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg, Karl Müllenhoff ‑ 1845 neu hrsgb. von Otto Mensing, Kiel – 1921

Sagen, Märchen und Legenden aus Lübeck und seinem holsteinischen Umland, gesammelt von Helge Dettmer, Edition Lübecker Nachrichten

Sagen und Märchen aus Segeberg, von Gundula Hubrich‑Messow, Husum, ‑ 1998